Dresden: SCHINDLUDER MIT DEN OPFERN

dresden-leichen Dresden, das steht für ungezählte unschuldige deutsche Opfer, für unendliches Leid und für eines der größten Kriegsverbrechen das mit den Atomschlägen von Hiroshima und Nagasaki durchaus vergleichbar ist – ja wahrscheinlich diese Exzesse der alliierten Kriegsführung noch in den Schatten stellt.

 

 

Wir erinnern uns: Diese Atombombenexplosionen in Japan töteten insgesamt etwa 92.000 Menschen sofort. Weitere 130.000 Menschen starben bis Jahresende an den Folgen des Angriffs, zahlreiche weitere an Folgeschäden in den Jahren danach.

Hans-Joachim von Leesen:

SCHINDLUDER MIT DEN OPFERN

Mit den Opferzahlen der Luftangriffe auf Dresden im Februar 1945 wurde und wird Schindluder getrieben, erstaunlicherweise am wenigsten noch von den amtlichen Stellen, die zur Zeit der Angriffe das Sagen hatten. Entgegen allen bisherigen Behauptungen hielt man sich damals außerordentlich zurück bei der Benennung der Opferzahlen, was verständlich ist, wollte man doch gerade verhindern, daß durch die ungeheueren Verluste unter der Zivilbevölkerung die Moral geschwächt werde. Tatsächlich wurde von offiziöser Seite – von offizieller Seite überhaupt nicht – einmal eine Zahl genannt, nämlich in einem Aufsatz in der Goebbels nahe stehenden Wochenzeitung Das Reich von dem Journalisten Rudolf Sparing, „Der Untergang Dresdens“ vom 4. März 1945. Der Autor spricht darin von „Zehntausenden“ Toten als Folge der Angriffe.

Darauf erneut hingewiesen zu haben und damit einen weiteren Beleg für die bis heute laufende Täuschungsmaschinerie zu liefern ist ein Verdienst des soeben erschienenen Buches von Wolfgang Schaarschmidt „Dresden 1945 – Daten, Fakten, Opfer“ (Herbig, 24,90 Euro, zu beziehen über den PMD). Schaarschmidt, Jahrgang 1931, Arzt in Hamburg, studierte nach Eintritt in den Ruhestand Geschichte und erforschte ab 1996 quellenkritisch die Zustände nach der Zerstörung Dresdens, vor allem die Zahl der Opfer. Dabei sichtete und beurteilte er die bislang veröffentlichten wirklichen oder angeblichen Quellen und entdeckte eine erhebliche Anzahl von Ungenauigkeiten, Fälschungen, voreiligen Schlußfolgerungen. Dazu gehört auch die oben erwähnte Aufdeckung. Es kann nicht die Rede davon sein, wie es noch jüngst in einer Buchbesprechung in der ansonsten zuverlässigen Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu lesen war, daß „die Nazis … sich nicht scheuten, die Opferzahlen ins Unermeßliche zu verfälschen“. Genau das geschah nicht.

Wohl aber trieb die SED-Führung die Verlustzahlen in die Höhe. Den Rekord hielt 1955 der Stellvertretende Vorsitzende des DDR-Ministerrates, Hans Loch, der erklärte, es seien „mehr als 300.000“ Dresdner getötet worden. Und nach der Wiedervereinigung hat auch die Landeshauptstadt Dresden auf Anfragen Verlustzahlen von über 200.000 genannt.

Dabei hatte sich die Stadtverwaltung Dresden offenbar auf einen häufig zitierten angeblichen „Tagesbefehl Nr. 47“ des „Höheren SS- und Polizeiführers Elbe“ berufen, der sich aber in den beiden unterschiedlichen Fassungen, in denen er auftauchte, als Fälschung erwiesen hat, wie auch Schaarschmidt detailliert nachweist. Aufschlußreich ist, wann dieser sofort als Fälschung erkennbare getürkte „Tagesbefehl“ zum ersten Mal genannt wurde, nämlich 1955 in einer DDR-Veröffentlichung, in der gleichzeitig die durch nichts belegte Behauptung aufgestellt worden ist, die Fälschung sei von Goebbels veranlaßt worden.

Schaarschmidt führt die je nach politischer Opportunität ständig veränderten Zahlen der Luftkriegstoten auf. Am ersten Jahrestag der Luftangriffe nannte der Erste Oberbürgermeister Weidauer, ein Kommunist, in einer öffentlichen Versammlung die Zahl von 25.000 Toten, ohne dafür aber gesicherte Unterlagen zu besitzen. Zu diesem Zeitpunkt war die Enttrümmerung Dresdens noch längst nicht abgeschlossen. Im Laufe der nächsten Monate wuchs die Zahl auf 35.000, und sie hat sich seitdem hartnäckig in nahezu allen Veröffentlichungen gehalten, obwohl auch ihre Basis unsicher war und ist.

So weist Schaarschmidt nach, daß die bisher angenommene Anzahl der auf dem Altmarkt verbrannten Leichen nicht gesichert war, sondern daß sie deutlich höher lag. Kritisch untersucht werden auch die Angaben von Oberstleutnant Eberhard Matthes, einem geborenen Dresdner, der im Verteidigungsbereich Dresden an führender Position tätig war. Er hatte die Aufgabe, für die Reichsleitung am 29. April 1945 die bis dahin ermittelten Totenzahlen festzustellen, und kam auf „35.000 vollidentifizierte, 50.000 nicht identifizierte, von denen aber Schmuck oder Eheringe gefunden wurden, sowie 186.000 Opfer, bei denen es nichts mehr zu identifizieren gab“. Schaarschmidt hält den Bericht von Matthes, soweit nachprüfbar, für zuverlässig, zumal seine Angaben sich in der Größenordnung decken mit denen anderer Zeitzeugen, darunter Wladimir Semjonow, 1945 Berater der Militäradministration in der sowjetisch besetzten Zone. Er hielt sich im Frühjahr 1945 in Dresden auf. Die Schätzungen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz liegen bei weit über 100.000. Ähnlich die Aussagen des Leiters der Abteilung Tote in Dresden, Hanns Voigt.

Schaarschmidt bestätigt, daß sowjetische Stellen bald nach dem Einmarsch der Roten Armee in Dresden Unterlagen über die Folgen des Luftangriffes offensichtlich nach Moskau geschafft haben; auch die bereits angelegte Totenkartei, die 90.000 Namen enthalten haben soll, sei von den Sowjets auseinandergerissen und zum Teil vernichtet worden.

Offen bleibt die Beantwortung der Frage, ob es wirklich beim Angriff am Sonntag, 13. Februar, zu Tieffliegerangriffen im Dresdner Stadtgebiet gekommen ist, wie an zahlreichen anderen Orten im Reichsgebiet. Es liegen zahlreiche Augenzeugenberichte darüber vor, doch werden sie von zwei Autoren bestritten, weil sie in den amtlichen Unterlagen der US-Jägerpiloten darüber keine Berichte gefunden haben. Schaarschmidt hingegen will die vielen Augenzeugen nicht einfach unberücksichtigt lassen. Nach seiner Auffassung ist die Frage bisher ungeklärt.

Resumée des Autors: „Wägt man Ereignisse, Aussagen und amtliche Archivalien im Hinblick auf die Zahl der Opfer des Dresdner Feuersturms ab, so ergibt sich nach der derzeitigen Quellenlage, daß in Dresden im Februar 1945 durch anglo-amerikanische Luftangriffe mindestens 100.000 Menschen getötet worden sind. Schätzungen von über 135.000 Toten sind begründet und kommen der historischen Wahrheit vermutlich am nächsten.“

In der Frankfurter Allgemeinen liest man am 12. Februar 2005: „Es ist Zeit für einen Abschied von der ‚politisch‘ festgelegten Zahl der 35.000 Toten, die Mitte der 50er Jahre von der SED als bindend verkündet und, wie so manches andere, nach der Wende von dem demokratisch legitimierten Stadtregiment übernommen wurde.“ Ob aber jetzt der historischen Wahrheit die Ehre gegeben wird, muß trotz der verdienstvollen Untersuchung von Wolfgang Schaarschmidt bezweifelt werden, wenn man registriert, daß der Sprecher der Historiker-Kommission, die im Auftrage der Stadt Dresden die Zahl der Opfer ermitteln soll, lange vor Abschluß der Untersuchungen der Financial Times gegenüber erklärt, man könne von mindestens 25.000 Toten ausgehen. Und er fügte hinzu, daß „die bisher von Experten als realistisch angesehene Zahl von 35.000 eher nach unten korrigiert werden müsse“. Es bleibt also wohl bei der ‚politisch‘ festgelegten Zahl. Die Historiker-Kommission kann nach Hause gehen.

Tagged , , , , , , . Bookmark the permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.